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Christian Salvesen Einleitung „Spreche ich mit Herrn Sl…Slwesen?“ – Die Dame am Telefon hatte offensichtlich meine Adresse mit falsch geschriebenem Namen vor sich. Dafür konnte sie nichts. In letzter Zeit häuften sich die Anrufe von Firmen, die über Telefon was auch immer verkaufen wollten. Doch dann diese angespannte, nervig-schrille Stimme mit dem auswendig gelernten Text! Musste, sollte ich mir das anhören? Ja, allerdings nur, um ein weiteres Beispiel dafür zu sammeln, wie wichtig es heutzutage ist, die eigene Stimme zu üben. Telefonmarketing ist ein harter Job. Oft müssen die Anrufer ihre Kollegen übertönen, die sich im Hintergrund ebenso anstrengen. Der Stress ist hörbar. Jeder versucht zu verkaufen. Und jeder ist froh, überhaupt eine Arbeit zu haben und möchte sie um jeden Preis behalten. Immer noch besser als Telefonsex. Doch es könnte sein, dass Firmen, die per Telefon Zeitschriften oder Lotteriespiele anbieten, bald dazu anleiten, das Werbegespräch mit einem tief gehauchten: „Hallo, endlich habe ich dich erreicht…“ zu beginnen. Wir leben in einer materialistisch orientierten Konsumgesellschaft. Das heißt, wir werden dazu erzogen, all unsere Fähigkeiten dazu einzusetzen, möglichst viel Geld zu verdienen. Gutes Aussehen, selbstbewusstes Auftreten, intellektuelle Fähigkeiten und die richtige Stimme – alles dient dem Gelderwerb und der Vermarktung. Ich möchte in diesem Buch gar nicht dagegen protestieren. Wozu auch? Wir haben doch in der Geschichte mehr als genug das Hin- und Her zwischen Ideologien erlebt. Revolutionäre haben leidenschaftlich ihre Stimme erhoben und Massen begeistert. Hat sich damit irgendetwas grundsätzlich verändert? Schauen wir uns einmal um in unserer Welt und stellen die Diagnose! Die augenblickliche Wirkung einer großartigen Rede können wir jedoch nicht bestreiten. Ein einziger Satz kann heute - im Fernsehen übertragen - Millionen gleichzeitig zu Tränen rühren. Langfristig ändert das vielleicht nichts, doch im Moment und für alle Betroffenen schon. Und das ist auch der ursprüngliche Sinn des Sprechens und Singens. Es ist eine Handlung, eine Aktion im Hier und Jetzt. Gleichgültig, ob Millionen von Menschen oder ganz wenige zuhören. Und einer hört immer zu: ich selbst. Wir können und dürfen unsere Stimme in jeder Hinsicht optimal einsetzen: im Beruf, in der Partnerschaft, der Erziehung, der Selbstfindung – in jedem Bereich unseres Lebens. Der Dame am Telefon hätte ich vielleicht sagen sollen: „Alles okay, ich verstehe schon, dass Sie verkaufen müssen, entspannen Sie sich. Das kommt viel besser rüber!“ Doch ich war selbst zu gefangen in meiner Rolle als überfallenes Opfer einer Verkaufsstrategie. In den vergangenen Jahren sind etliche Ratgeber erschienen, wie die eigene Stimme wirkungsvoll eingesetzt kann. Wie präsentiere ich ein Produkt, eine Lebensversicherung, ein Forschungsergebnis so effektiv wie möglich vor Fachleuten oder Laien? Wie überwinde ich das Lampenfieber, wie strukturiere ich den Vortrag, wo hebe, wo senke ich die Stimme, welche Worte werden betont? All das und vieles mehr kann man aus den Büchern - zum Teil mit CD-Anleitungen - lernen. Doch etwas Entscheidendes fehlt mir bei all diesen Ratgebern. Ich vermisse die Hinführung zur Faszination, zum Mysterium, zum Herzen und zur Seele der Stimme. Sicher, die Technik und Physiologie der Stimme sind wichtig und sollen in diesem Buch auch praxisnah dargestellt werden. Aber viel wichtiger ist das Zentrum, der übergeordnete Sammelpunkt, von dem aus das Phänomen Stimme überhaupt in seinem Wesen fühlbar wird. Ich habe in Rundfunksendungen und als Chorleiter zum bewussten Hören und kreativen Experimentieren mit der Stimme angeleitet und dabei immer nach einem Urklang gesucht. Ausgerechnet in Peter Kelders berühmten „Fünf Tibetern“ fand ich die Lösung und die Antwort: Eine einfache, ja die einfachste und wirkungsvollste Stimmübung überhaupt: Ein langes „OM“ singen. „Der Gebrauch des OM – ich nenne dies den siebten Ritus – kann bei einem Menschen, der dazu innerlich bereit ist, außerordentliche Resultate hervorbringen.“ So schreibt Colonel Bradford, Kelders geheimnisvoller Himalajareisender und Lehrer, in einem Abschiedsbrief an seine Freunde. Da könnten sich allein im deutschen Sprachraum 1,5 Millionen Menschen angesprochen fühlen. So viele haben hierzulande Kelders Buch in den vergangenen 15 Jahren gekauft. Es lassen sich einige Gründe anführen, warum bisher nur die ersten fünf der insgesamt sieben Riten als die „Fünf Tibeter“ so berühmt wurden. Der Hauptgrund liegt wohl schlicht im deutschen Buch-Titel. Mein Buch: „Der Sechste Tibeter. Das Geheimnis erfüllter Sexualität“ zeigt weitere Gründe auf, warum die sechste Übung zur Transformation sexueller Energie, von Kelder selbst als „die Krönung des Ganzen“ bezeichnet, bisher so gemieden wurde, und was sie dennoch oder gerade deshalb so wichtig für unser Leben macht. Noch unbekannter als der sechste Ritus ist der siebte geblieben. Hier nach versteckten Gründen zu forschen ist nicht so ergiebig wie beim Thema Sexualität. Die menschliche Stimme ist schließlich kein Tabuthema! Doch vielleicht wurde bisher nicht klar, wie alle sieben Riten zusammenhängen, wie sie den sieben Energiezentren, den Chakras, entsprechen und aufeinander aufbauen? Möglicherweise sind die bisher so erfolgreich praktizierten „Fünf Tibeter“ unvollständig und nur die Vorbereitung auf eine Reise, die in eine noch gänzlich unbekannte Dimension führt? Ist das nun nur etwas für Insider? Keineswegs. Auch wer nie von Kelder und den „Fünf Tibetern“ gehört hat, kann mit diesem Buch sofort in das Boot einsteigen, das ihn über das Mysterium Stimme in das unendlich viel größere Geheimnis des Lebens selbst führt. Probieren Sie es doch einfach einmal, gleich jetzt, während Sie diese Zeilen lesen: Atmen Sie bewusst ein und aus, und singen Sie beim nächsten Ausatmen auf irgendeinem Ton diesen Klang: „O-o-o-m-m-m“. Spüren Sie es, während Sie Ihrer Stimme lauschen? Was da hervorkommt, wird sich beim weiteren Lesen wie ein Zaubersamen entfalten. Sie werden verstehen und lernen, wie sich dieser Klang OM für alle Bereiche des Lebens, im Beruf und privat, nutzen lässt und als fruchtbar und wirksam erweisen kann. Das Buch ist in vier Teile gegliedert. Im ersten Teil erzähle ich Geschichten, erfundene und wahre, wie sich die menschliche Stimme entwickelt hat. Vom Frühmenschen über eine Schamanin und einen OM-singenden Seher der indischen Veden, dann dem griechischen Rhetoriker Demosthenes und dem Nazi-Demagogen Goebbels bis hin zur heutigen Stimmforschung mit den neuesten Techniken, wie sie zum Beispiel Kriminologen einsetzen. Im zweiten Teil erleben wir den von Peter Kelder und Colonel Bradford gegründeten „Himalaja-Club“. Was dort zum Thema des „Siebten Tibeters“ lebhaft diskutiert wird, habe ich im Stil von Peter Kelder geschildert, die Originalzitate sind gekennzeichnet. Hier wird der Begriff des Mantrams erklärt und was es bedeutet, sich etwas zu wünschen. Und erstmals wird das Geheimnis um Peter Kelder und Bradford gelüftet. Sie erscheinen als reale Menschen, die wirklich existierten. Der dritte und umfangreichste Teil beschreibt ein Stimmseminar. Dieses Seminar, die Seminarleiterin und die Teilnehmer, das alles ist frei erfunden. Jede Übereinstimmung mit einem Workshop, der irgendwo und irgendwann tatsächlich stattgefunden hat, wäre rein zufällig. Auch hier, und gerade hier, möchte ich durch die Beschreibung der Situationen und die Dialoge an die Lebendigkeit der Stimme heranführen. Der vierte Teil bietet Anleitungen, wie Sie Ihre Stimme zu den entsprechenden Lebensbereichen üben können. Die meisten Übungen sind bereits zuvor im Buch angesprochen worden. Deshalb ist es leicht, sie richtig einzuordnen und gezielt anzuwenden. Da wir nun einmal täglich unsere Stimme einsetzen, wird jeder Leser etwas für sich entdecken und nutzen können. Allein schon die Anregung, sich selbst beim Reden aufmerksamer zuzuhören, wird ihn nicht mehr loslassen. Und damit beginnt bereits die Reise in ein neues Abenteuer. Teil 1 EINE KLEINE GESCHICHTE DER STIMME
Die Horde und der Computer Es war noch still. Sie hatten sich für die Nacht einen gut geschützten Platz ausgesucht. Ranga war bereits wach. Sie saß mit dem Rücken am Felsen angelehnt und schaute über das dunkle Tal. Hinter dem Berg auf der anderen Seite zeichnete sich ein schmaler fahler Lichtstreifen ab. Ein neuer Tag brach an. Der erste Vogel begann sein Morgenlied. Schon bald setzte das ganze Orchester des Waldes ein. Ranga räkelte sich beruhigt. Keine Gefahr. Der kühle Stein im Rücken tat gut. Doch plötzlich verstummten die Stimmen. Ranga schreckte auf. Ihre feine Nase nahm den scharfen Geruch auf. Alles in ihr war wie ein heller Blitz. Das tiefe „Hum, Hum,“ brach aus ihr heraus wie der Donner. Die anderen sprangen auf. Vier Männer, sechs Frauen und drei Kinder, die zwei kleinen klammerten sich an die Brüste ihrer Mütter. Alle starrten auf die dichten Büsche zehn Meter vor ihnen. Die Männer sprangen aufgeregt hin und her. Sie schrieen durcheinander. Ranga sah dem Leoparden direkt in die Augen. Sie fühlte keine Angst. Eine unbekannte Ruhe und Kraft war in ihr erwacht. Ihr „Hum, Hum“ kam nun ganz gleichmäßig. Sie war die Anführerin ihrer Horde. Alle anderen folgten ihrem Rhythmus. „Hum, Hum, Hum“. Sie wussten nicht, was da geschah. Doch sie spürten: Das war ungeheuerlich! Welche Kraft, welche Macht lag in diesem gleichmäßigen, vereinten Laut! Der Leopard wich zurück. Sie hatten gesiegt. Allein durch die Macht der Stimme! So könnte es gewesen sein, vor Millionen Jahren, in der Morgendämmerung der Menschheit. Forscher sprechen von Gruppensynchronisation. Chaotisches Schreien und Rufen geht in eine geordnete Struktur über. Das schafft in der Gruppe ein Gefühl der Zugehörigkeit und gemeinsamen Stärke. Dieses Phänomen konnte auch bei einigen Affenarten beobachtet werden. Der gleichmäßige Rhythmus ist ein musikalisches Phänomen. Etliche Experten nehmen an, dass derartige „Urgesänge“ Grundlage für die Entwicklung der Sprache waren. Belegt wird dies auch durch Ergebnisse aus der Gehirnforschung. Der Leipziger Psychologe Stefan Kölsch fand heraus, dass das Broca-Areal, eines der wichtigsten Sprachzentren im Gehirn, musikalische Strukturen schneller und im Verlauf der frühkindlichen Entwicklung eher verarbeitet als gesprochene Sätze. Er ist überzeugt: Beim Verstehen von Sprache werden zuerst musikalische und emotionale Qualitäten wie Betonung, Rhythmus und Sprachmelodie erkannt. „Ohne ein ausgesprochenes Musikverständnis könnten wir keine Sprache lernen.“ (1) Im Grunde ist es ja ein Mysterium, wie sich die Intelligenz in der Evolution offenbart – wie sie an bestimmten Punkten der Entwicklung gleichsam hervorbricht und so eine neue Ära einleitet. Diesem Thema ist Stanley Kubricks berühmter Film „2001 – Odyssee im Weltraum“ gewidmet. Ein etwa zehn Meter hoher, drei Meter breiter und 30 Zentimeter dicker Quader aus einem unbekannten, schwarz glänzenden Material repräsentiert in dem Film die universale Intelligenz. Eines Morgens stößt eine Horde von Frühmenschen auf diesen Monolithen. Sie spüren sofort die erhabene, fremdartige Macht dieses „Wesens“, das da so bewegungslos still mit seinen glatten, spiegelnden Flächen und makellos graden, scharfen Kanten in den Himmel ragt. Nach aufgeregtem Schreien und Hin- und Hergelaufe traut sich schließlich einer aus der Horde, den Stein zu berühren. In der nächsten Szene entdeckt der Urmensch, wie ein großer Tierknochen als tödliche Waffe benutzt werden kann. Später im Film, als Wissenschaftler unserer Zeit den Monolithen finden und zum Produkt einer außerirdischen Zivilisation erklären, erfahren wir, dass er eine ungeheuer hohe Schwingung ausstrahlt. Kubrick vermittelt die uralte Weisheit, dass Intelligenz und Bewusstheit mit Klang und Schwingung zu tun haben, durch eine Chorkomposition des ungarischen Komponisten György Ligeti. Der Monolith erscheint immer in Verbindung mit dieser Musik, „Lux Aeterna“ („Ewiges Licht“) für 16-stimmigen Chor a capella (das heißt ohne instrumentale Begleitung). Die Stimmen sind wie in einem dichten Gewebe gesponnen, sie kreisen in- und umeinander, sodass ein ganz außergewöhnlicher, ja außerirdisch anmutender Gesamtklang entsteht, vergleichbar einem ungreifbaren „Irr-Licht“ von enormer Intensität. Und noch an einer anderen zentralen Stelle im Film behandelt Kubrick das Thema Stimme und Intelligenz in bemerkenswerter und aufschlussreicher Weise. Das Raumschiff in der Form eines Riesenrads wird auf seiner Mission, die Schöpfer des Monolithen zu finden, von einem Computer gesteuert, der nahezu unfehlbar ist. Die Raumfahrer können sich mit ihm wie mit einem Menschen, ja einem guten, weisen Freund unterhalten. Der Computer heißt HAL. Er spricht mit sanfter, beruhigender Bariton-Stimme, ein Vorbild für jeden Tagesschausprecher. Doch kann man ihm wirklich trauen? Was geht hinter diesem großen elektronischen Auge in den Millionen von Leitungen, den künstlichen Gehirnzellen und Synapsen vor? Tatsächlich plant HAL, das Unternehmen zu sabotieren, was ihm auch fast gelingt. Der letzte Überlebende auf dem Raumschiff schaltet HAL schließlich aus. Das geht bei der komplexen Struktur des Computers nur schrittweise. Je mehr HAL an Leistung verliert, desto bittender und kläglicher klingt seine Stimme und desto ärmer wird sein Wortschatz. Schließlich bleibt nur noch das Lied „Hänschen klein“ übrig. HALs Erbauer hat es als Basis-Programm installiert. Die Assoziation zu unserem ersten „Mama“ drängt sich auf. Und nun erstirbt HALs Stimme. Sie verliert den warmen, menschlichen Ton, sinkt auf tiefe Frequenzen, verrät ihren elektronischen Ursprung. Wie bei einer Schallplatte, die man mit dem Finger verlangsamt. Ist das nicht eine erschütternde Parabel auf unsere eigene Existenz? Obwohl wir wissen, dass HAL nur eine Maschine, ein Computer ist, fühlen wir mit. Warum? Das Geheimnis liegt in seiner Stimme. Da ist dieser irritierende, aufwühlende Widerspruch: Wir hören in dieser warmen, vertraulichen Stimme eine Seele, ein lebendiges Wesen – wir hören uns selbst. Das soll nur ein Automat sein? Und plötzlich mag der verstörende Gedanke auftauchen: Bin ich vielleicht auch nur ein Automat, eine Art Computer, der irgendwann programmiert wurde und in absehbarer Zeit abgeschaltet wird?
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